Johannes Starke – ein Leben als Vegetarier

aus dem Interview der Zeitschrift ´Vegetarisch-fit´ 

Juni 2000: Auf der Tagung des Vegetarierbundes in Hannover sitzt mir während der Mittagspause plötzlich ein munterer, älterer Herr aus Halle gegenüber. Er grinst verschmitzt und erzählt, er sei bereits seit seiner Geburt Vegetarier. Aus seiner Tasche holt er einen gefalteten Zeitungsartikel aus der Bild-Zeitung hervor. Darauf ist er neben einem etwa gleichaltrigen Herrn abgebildet, der sich als Fleischliebhaber bekennt. Wem von beiden es wohl mit seiner Ernährung besser gehe, fragtJohannes Starke - lebenslang Vegetarier sich die Bild-Zeitung. Meinem Gegenüber scheint es ausgesprochen gut zu gehen, zumal er – wie er verrät – die 80 schon deutlich überschritten hat. Doch dann ist die Mittagspause vorüber und ich wollte noch so viel fragen ...
September 2001: Die Begegnung mit Johannes Starke hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nun bin ich unterwegs nach Halle, um ihn zu treffen und mir aus seinem bewegten Leben erzählen zu lassen.
„Früher dachte ich immer, wenn ich 80 bin, dann lasse ich mich gehen. Aber nun bin ich 85 und mache es mir immer noch nicht gemütlich.“ Johannes Starke lacht. Seine kurze Bemerkung charakterisiert ihn treffend, denn der aktive Vegetarier ist in der Tat alles andere als ein Ruheständler. Neben seinem riesigen Garten, in dem er täglich viele Stunden arbeitet, nimmt er noch jede Menge andere Aufgaben wahr. Besonders wichtig ist ihm die Arbeit für den Vegetarierbund, für den er die Regionalgruppe in Halle leitet. Daneben engagiert er sich in der Vegetarier-Altenhilfe, ist Mitglied im Kneipp-Bund und macht Führungen in der evangelische Marktkirche in Halle.
„Ich fühle mich beinahe verpflichtet, fit zu bleiben,“ erklärt Johannes Starke nicht ganz ohne Stolz. „Denn mittlerweile bin ich fast schon ein Aushängeschild für die vegetarische Lebensweise: Andere Leute können dann sagen ‘schau, der ist Vegetarier und so alt, dann muss das doch gesund sein’.“ Und dass er nicht nur jeden Morgen 20 Liegestütze schafft, sondern auch ein Gedächtnis hat wie manch 40-Jähriger nicht mehr, merkt man, als er berichtet, wie sein bewegtes Leben verlaufen ist.

Vegetarisches Elternhaus
„Meine Eltern lernten sich durch ein Inserat in der vegetarischen Presse kennen“, weiß Johannes Starke. Seine Mutter lebt um die Jahrhundertwende in Weimar, das damals als geistiges Zentrum gilt. Sie hat Verbindungen zu Künstlerkreisen, in denen die vegetarische Ernährung aus philosophischen Gründen gang und gäbe ist. „Die ganze Bewegung nannte sich Lebensreformbewegung. Das waren Menschen, die natürlich, gesund und naturverbunden leben wollten, wozu auch der Verzicht auf Fleisch gehörte.“ Der Vater von Johannes Starke hat Verbindungen zu den Lebensreformern. Sein Zwillingsbruder war 1893 Mitbegründer der vegetarischen Obstbaukolonie Eden in Berlin. Er gibt die Ideen und Ideale von Eden an seinen Bruder weiter.
„So bin ich am 6. November 1915 als jüngster von drei Brüdern in Wiesbaden in ein vegetarisches Umfeld hineingeboren worden“, berichtet Johannes Starke. „Auch einige meiner Verwandten waren Vegetarier oder lebten in EDEN. Mir war die vegetarische Lebensweise somit von Anfang an vertraut, ich kannte praktisch nichts anderes.“

Kindheit mit Riemensandalen
Als Johannes Starke zehn Jahre alt ist, zieht die Familie nach Halle an der Saale um. Die Mutter eröffnet dort 1925 ein kleines Reformhaus. „Als Kinder wurden wir manchmal von den anderen Kindern als ‘Grasfresser’ beschimpft.“ Aber als schwierig habe er das nie empfunden, sondern schon immer mit viel Selbstbewusstsein seine Position vertreten. „Ich gehörte immer zu den Großen und Kräftigen, und das war anerkannt. Wäre ich klein und schmächtig gewesen, hätte ich es vielleicht schwerer gehabt.“ Aber nicht nur die Ernährung, sondern auch die Kleidung unterscheidet den Schüler Johannes Starke von anderen. „Als ich in die Schule ging, trugen wir Riemensandalen, so genannte ‘Jesuslatschen’. Die waren schon damals verpönt. Und als die meisten mit 14 Jahren Schlips und Kragen trugen, da hatte ich einen offenen Kragen, den Schillerkragen. Das war damals das Zeichen ‘er ist ein bisschen anders’.“ Doch das Elternhaus und die Jugendbewegung, in der er Gleichgesinnte trifft, geben genug Halt, um auf dem vegetarischen Weg zu bleiben.

Nussmargarine und Trockenbananen aufs Brot
Durch das eigene Reformhaus kommt Johannes Starke schon als Kind in den Genuss gesunder Lebensmittel. „Zum Frühstück aß ich gerne Weizenschrotbrot mit Nussana, einer Art Nussmargarine, zusätzlich belegt mit Trockenbananen. Ich mochte auch gerne Fruchtpasten aufs Brot, die ließen sich so schön schneiden.“ Insgesamt scheint sich das vegetarische Essen gar nicht so wesentlich von dem zu unterscheiden, wie es heute ist. Die Gerichte waren jedoch eher einfach ohne ausgefallene Zutaten. „Bei uns gab es auch schon Bratlinge aus den unterschiedlichsten Zutaten. Dann aßen wir gerne und viel Kartoffeln, Reis und Hülsenfrüchte und natürlich Obst und Gemüse“, beschreibt Johannes Starke die Familienküche. „Aber mein Lieblingsgericht als Kind waren Kartoffeln mit Kräuterquark, Leinöl und Salat.“ Auch ist das Müsli zum Frühstück keine Erfindung der heutigen Zeit. „Da nahm man aber nur Haferflocken, Obst und Milch.“ Als einen „Einschnitt“ in seine vegetarische Kindheit bezeichnet er einen Aufenthalt im Landschulheim mit zehn Jahren. „Dort wussten sie gar nicht, was sie mir zu essen geben sollten. Ich bekam immer nur dick bestrichene Butterbrote, mochte aber gar keine Butter. Ich aß lieber die Eden-Margarine. Aber irgendwie ging es auch.“

Reformhaus Starke in Halle
Als die Mutter 1925 das Reformhaus in Halle eröffnet, gibt es bereits ein weiteres in der Stadt. Es gehört ebenfalls einem Vegetarier. Johannes Starke erinnert sich: „Die Idee zur Gründung von Reformhäusern entstammt aus der Reformbewegung. Ihre Anhänger wollten naturbelassene Lebensmittel verkaufen, die sie brauchten, um nach ihrem Stil leben zu können. So waren es vorwiegend Idealisten, die Reformhäuser gründeten und betrieben.“ Schon damals gibt es ein reichhaltiges Angebot: „Der Hauptschlager waren pflanzliche Öle und die pflanzliche Eden-Margarine, die zuerst Eden-Butter hieß. Beliebt sind auch alkoholfreie Säfte vom Pionier Donath in Dresden. „Durch Pasteurisieren  hatte er den ersten haltbaren Apfelsaft geschaffen. Und dann gab es jede Menge Flocken: Knusperflocken, Gersten- und Weizenflocken und so genannte Haferschneeflocken, die sich schnell auflösten“, beschreibt Johannes Starke das Reformhaussortiment Anfang der 30er Jahre. „Als Brotbelag hatten wir beispielsweise Fruchtpasten im Angebot. Das waren dicke Pasten in rechteckiger Form mit Oblaten rechts und links. Man konnte sie schneiden und aufs Brot legen. Dann gab es Nussmuß und die herzhaften Eden-Vegeta-Pasteten in drei verschiedenen Sorten. Wir hatten Trockenfrüchte, zum Beispiel blaue und geblichene Rosinen, aber auch ungeblichenen Zucker oder den klebrigen Rohzucker.“ Wer Vollkornprodukte  sucht, wird auch schon damals im Reformhaus fündig. „Bei uns gab es Vollkornmehl und natürlich Vollkornbrot. Wir hatten uns in Halle extra einen Bäcker herangezogen, der uns ein Weizenschrotbrot buk. Aber wir mussten vieles erst so nach und nach entwickeln.“

Reformhauslehre und Arbeitsdienst
1931 beginnt Johannes Starke mit 16 Jahren im elterlichen Reformhaus mitzuarbeiten. „Eigentlich wäre ich auch gerne Gärtner geworden, aber einer sollte ins Geschäft und ich hatte Lust dazu“, erzählt er rückblickend. Während dieser Zeit besucht er die Handelslehranstalt in Halle. Da seine Eltern keine ausgebildeten Kaufleute sind, arbeitet der Jugendliche in einem zweiten Reformhaus in Mühlhausen in Thüringen. Dort sammelt er kaufmännische Erfahrungen, die er im elterlichen Betrieb nutzen will. Doch dann kommt alles ganz anders: Deutschland steckt wirtschaftlich in der Krise. Es sind die Zeiten der Massenarbeitslosigkeit und der fehlenden Kaufkraft. 1935 wird in Deutschland wieder die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Junge Leute haben Arbeitsdienst zu leisten. „1936 wurde ich zum Arbeitsdienst einberufen. Das war sehr hart. Ich kam aus der freien Jugendbewegung und von den Pfadfindern, wo wir sehr naturverbunden lebten. Ich war es nicht gewohnt, so diszipliniert zu leben.“ Arbeitsdienst bedeutet, Arbeiten auszuführen wie Straßenbau, was Johannes Starke rückblickend als positiv beurteilt, aber auch exerzieren und politische Schulung. Für den jungen Vegetarier ist es eine schwierige Zeit, zum einen weil er kaum Ausgang hat, zum anderen wegen der Verpflegung. „Es herrschte Verpflegungspflicht und die Kost war miserabel. Ich war der einzige Vegetarier unter den Kameraden und tauschte meine Wurst oder meinen Fisch gegen Margarine oder Butter. Die einzigen vegetarischen Gerichte waren Milchnudeln und Vollkornsuppe aus Getreide.“ Es gibt keine Möglichkeit, zusätzlich etwas zu beschaffen. „Aber abgenommen habe ich trotzdem nicht, denn es gab zum Glück Vollkornbrot.“ Der Arbeitsdienst dauert ein halbes Jahr, anschließend geht Johannes Starke  zurück ins elterliche Reformhaus.

Schwierige Kriegszeiten
Es ist der Herbst 1937, als der 22-Jährige zur Wehrmacht eingezogen wird. „1939 hofften wir auf Entlassung. Es waren nur noch wenige Tage, doch dann gab es plötzlich ein absolutes Ausgehverbot und keiner durfte die Kaserne verlassen.“ So kommt es, dass Johannes Starke im September 1939 den Beginn des zweiten Weltkrieges als Soldat miterlebt. Besonders ist ihm ein Quartieraufenthalt bei einer schlesischen Bäuerin in Erinnerung geblieben. „Ich erklärte dem alten Mütterchen, dass ich Vegetarier sei und kein Fleisch und keine Wurst esse. Da brachte sie mir drei Eier, die sie in Ziegenbutter gebraten hatte. Das schmeckte und stank fürchterlich, aber ich musste es essen, ich konnte es unmöglich ablehnen.“ Johannes Starke erlebt den Krieg in Schlesien, in Frankreich und später auch in Russland. Fast die ganze Zeit über lebt er von Komissbrot, Butter, Käse und dem, was er sich an Zusatzverpflegung organisieren kann. „Manchmal musste ich auch das essen, was für die Truppe gekocht wurde. Die Fleischbrocken schmiss ich raus, aber der Geschmack war natürlich drin. Es war grauenhaft, aber irgendwie wollte ich gerne auch etwas Warmes im Bauch haben.“ Besonders eindringlich sind seine Schilderungen von Russland. „Anfang Oktober fiel Schnee und der ging nicht mehr weg. Wir hatten bis -40 °C, zwei Tage keine Unterkunft und mehr Ausfälle durch Erfrierungen als durch Feindangriffe. Ich hatte keine Vorräte mehr und die Verpflegung war ausgefallen. Dann bekamen wir gefrorenes Komissbrot. Das packte ich auf meinen Körper und schnitt immer das Stückchen ab, das gerade aufgetaut war. Am anderen Morgen war es alle.“ Rückblickend ist Johannes Starke klar, dass er seine vegetarische Ernährungsweise nicht länger hätte durchhalten können. Doch er hat Glück im Unglück: Ein Splitter einer russischen Granate schlägt ihm durch beide Beine und verwundet ihn schwer. Das rettet wahrscheinlich sein Leben, denn er muss ins Lazarett und kommt so zurück in die Heimat. Er ist ein Jahr lang verletzt, hat Probleme mit dem Laufen und muss dadurch nicht wieder an die Front. Er schult um, wird Verwaltungsoffizier in Halle und erlebt dort auch das Ende des Krieges.

Familie und Ausbildung in der Nachkriegszeit
Der Zweite Weltkrieg hat die Familie Starke schwer getroffen. Der Vater und der ältere Bruder sind ums Leben gekommen. Das Reformhaus wird von seiner Mutter und seiner Ehefrau geführt. Diese heiratet Johannes Starke 1941 während des Krieges und bekommt mit ihr zwei Söhne. Kennen gelernt haben sich die beiden schon 1938 beim Abschlussball der Tanzstunde. „Sie war anfangs keine Vegetarierin und wusste gar nicht, was sie mir vorsetzen sollte,“ erinnert sich Johannes Starke schmunzelnd. „Aber Kuchen konnte sie backen und ich sage immer ‘sie hat mich mit Kuchen gefangen’. Später war sie eine fabelhafte vegetarische Köchin. Sie hat es verstanden, aus nichts etwas zu machen.“
Erst nach dem Krieg macht der damals 30-Jährige zusammen mit seiner Frau eine richtige Reformhaus-Ausbildung bei der neuform im Westen Deutschlands. Er studiert die Werke wichtiger Ernährungspioniere. „Ich fing mein Studium mit den Werken von Bircher-Benner an. Mein zweites Vorbild war Friedrich Wolf. Er schrieb unter anderem das Buch ‘Die Natur als Arzt und Helfer’. Dann studierte ich noch die Werke von Kollath und anderen Ernährungswissenschaftlern.“

Reformhäuser haben es schwer
Doch die Zeiten nach dem Krieg sind nicht leicht, denn die politische Situation im Osten macht es den Starkes schwer, ihr Reformhaus zu führen. „In der DDR war Vegetarismus reine Privatsache. Es war schwer, überhaupt eine Genehmigung für ein Gewerbe zu bekommen, da alles staatlich war. Privatgeschäfte wurden benachteiligt, mit der Warenbelieferung und vor allen Dingen mit der Lohnzahlung,“ erläutert Johannes Starke seine damaligen Probleme. „Wir mussten weniger Gehalt zahlen als staatliche Geschäfte. Wir hatten so viel zu tun und bekamen keine Hilfskräfte. Die DDR-Behörden versuchten, fast jedes selbstständige Wirtschaften zu unterdrücken. Doch das Reformhaus als Fachgeschäft hatte glücklicherweise eine gewisse Daseinsberechtigung.“ Aufgrund der vielen Steine, die ihm der Staat in den Weg legt, entschließt sich Johannes Starke 1977 das Geschäft aufzugeben. Er findet direkt jemanden, der das Reformhaus weiterführt.

Vegetarier sein in der DDR
Auch das Privatleben als Vegetarier ist in der DDR nicht immer einfach, vor allem im Hinblick auf die Versorgung mit frischen Lebensmitteln. „Wir stellten in Vegetarierkreisen einen Grundsatz auf: ‘Ein Vegetarier in der DDR, der muss einen Garten haben, um über die Runden zu kommen.’ Anders zurecht zu kommen war wirklich schwierig, da es oft an frischem Obst und Gemüse mangelte.“ Aber auch die Akzeptanz durch andere lässt zu wünschen übrig. „Vegetarismus ist in der DDR beinahe in Vergessenheit geraten, möchte ich sagen. Wir wurden durchaus schon mal als Spinner belächelt. Vegetarier zu sein, war damals fast schwieriger als vor und im Krieg“, berichtet Johannes Starke bedauernd. „Der einzige Lichtblick war kurz vor der Wende, da kam ein Fernsehbericht über die vegetarische Ernährung und es erschien ein Artikel in der Gesundheitszeitung.“
Die DDR-Regierung unterbindet auch die Mitgliedschaft im Vegetarierbund. Dieser wird direkt nach dem zweiten Weltkrieg unter dem damaligen Namen Vegetarier-Union wieder ins Leben gerufen. Die Vegetarier in und um Halle gründen daher zur gleichen Zeit die Vegetarier-Union Halle: Zu den 45 Mitgliedern gehört auch Johannes Starke. „Das ging eine Zeitlang gut, doch dann hieß es, wir müssten uns dem Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands anschließen.“ Das tun die Vegetarier auch. Doch dann kommt die Anweisung, Ernährung habe mit Kultur nichts zu tun, sie sollten sich wieder selbstständig machen. Nun nennt sich die Gruppe Verein für Volksgesundheit, was aber auch nicht lange währt. „Und das, obwohl einer unseres Vorstandes SED-Mitglied war“, berichtet der 85-Jährige rückblickend. „Es hieß dann, wir müssten uns dem Roten Kreuz anschließen. Das bedeutete, dass alle unsere Mitglieder unterschiedlichen Anlaufstellen des Roten Kreuzes zugewiesen wurden. Somit war keine Arbeit mehr möglich und der Verein schlief ein. Das war ja auch beabsichtigt, zwar nicht durch ein direktes Verbot, aber geschickt auf Umwegen.“
Trotzdem hat er 1982 als Rentner die Gelegenheit, am Internationalen Vegetarier-Kongress in Neu-Ulm teilzunehmen. Für ihn ein schönes und beeindruckendes Erlebnis, vor allem nach der Abgeschlossenheit in der DDR.  „1932 hatte ich als Schüler den großen Vegetarier-Kongress in Eden miterlebt. Nun konnte ich 50 Jahre später auf diesen Riesenkongress fahren. Jetzt gab es plötzlich wieder so viele Gleichgesinnte, das war ein gutes Gefühl.“

Nach der Wende
Als 1989 die Mauer fällt, ist Johannes Starke 74 Jahre alt. Da er noch die ganzen Adressen seiner Vegetarierfreunde hat, lädt er alle zu einem ersten Treffen zu sich nach Hause ein. „Wir gründeten damals gleich wieder einen kleinen Vegetarierverein, der sich Vegetarierbund nannte.“ Nach kurzer Zeit schließt sich die Gruppe aus Halle dann dem Vegetarierbund Deutschlands e. V. mit Sitz in Hannover an. Seitdem leitet der engagierte Rentner die Regionalgruppe in Halle. „Bei mir zu Hause finden regelmäßig die Treffen statt, zu denen immer 10 bis 15 Leute erscheinen. Wir sprechen dann meist über ein spezielles Thema wie beispielsweise demnächst die mediterrane Kost.“ Er bedauert jedoch, dass zu wenig junge Leute zu den Treffen kommen und nutzt daher jede Gelegenheit, für seine Gruppe zu werben. Auch gibt es kaum eine größere Veranstaltung des Vegetarierbundes in Deutschland, auf der er nicht anzutreffen ist. Johannes Starkes Aktivitäten erstrecken sich aber noch auf andere Bereiche. So hält er Vorträge beim Kneipp-Verein über den Vegetarismus, veranstaltet Kräuternachmittage bei sich im Garten oder ist für die Vegetarier-Altenhilfe als Delegierter auf Tagungen unterwegs: Ein wirklich bewegtes Leben.

Alles ist Bestimmung
Beim Rückblick auf die vergangenen 85 Jahre stellt Johannes Starke eine Veränderung in der vegetarischen Bewegung fest. Sie betrifft vor allem die Gründe, warum Menschen sich zum Fleischverzicht entschließen. „Früher stand die vegetarische Lebensweise hauptsächlich in Verbindung mit einem natürlichen Leben. Heute kommen die Neuzugänge vom Tierschutz her. Die Menschen wollen die Grausamkeiten an Tieren nicht mehr mittragen.“ Doch er betont, dass in der Lebensreformbewegung auch der Tierschutzgedanke eine Rolle spielte. „Meine Eltern hatten beispielsweise Schriften von der Anti-Vivisektionsbewegung, die sich schon damals für die Abschaffung aller Tierversuche einsetzte.“
Obwohl Johannes Starke nie in seinem Leben Fleisch gegessen hat und schon immer für den Vegetarismus eintritt, ist er tolerant und realistisch geblieben. „Es wird sicher nie möglich sein, dass alle Menschen Vegetarier werden. Aber wenn beispielsweise einmal Fleisch nur noch als Beilage und Gemüse als Hauptgericht gilt, dann ist schon viel erreicht. Ich glaube vor allem, die Welt wäre friedfertiger, wenn es mehr Vegetarier gäbe.“
Ob sein Leben wohl anders verlaufen wäre, wäre er kein Vegetarier? Für Johannes Starke stellt sich diese Frage nicht, er sieht sein Leben als Bestimmung an. „Man wird nicht von ungefähr in eine Familie hineingeboren. Das ist Karma. Es ist mir bestimmt und ich sehe meine Lebensaufgabe darin, mich für gesundheitliche Fragen und für die vegetarische Ernährung zu interessieren.“ Und dann erklärt er: „Ich bin in meiner Weltanschauung freier. Ich neige mehr zum Buddhismus. Das Karmagesetz und die Wiederverkörperung, das sind die Grundlagen meines Glaubens.“

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