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Shrila Bhakti Rakshak Shridhar Dev-Goswami Maharaj
KAPITEL EINS..... wurde im Jahre 1895 in einer hochangesehenen Brahmana-Familie in Hapaniya, Distrikt Burdwan, West Bengalen, geboren. Seine Ausbildung erhielt er an der Baharampur-Universität. Im Jahre 1926 wurde Shrila Shridhar Maharaj von Shrila Bhakti Siddhanta Saraswati Thakur Prabhupada (1874-1937), dem Gründer-Acaryya der Shri Gaudiya Math als Schüler eingeweiht. 1930 empfing er die Einweihung in den Sannyas-Stand. Shrila Bhakti Siddhanta Saraswati Prabhupad gab ihm den Namen 'Shri Bhakti Rakshak' (d.h. Beschützer der Hingabe)

1941 gründete Shrila Shridhar Maharaj die Shri Chaitanya Saraswat Math in Nabadwip, West-Bengalen. Seit Anfang der 80er Jahre wurde die Math zum Ziel der Pilgerfahrten vieler Gottgeweihter in der ganzen Welt. Seine spirituelle Verwirklichung und sein enzyklopädisches Wissen über die heiligen Schriften befähigten Shrila Shridhar Maharaj, unzähligen Wahrheitssuchern bei ihren Bemühungen hilfreich zur Seite zu stehen.

Im Jahre 1985, drei Jahre vor seinem Verscheiden, weihte Shrila Shridhar Maharaj seinen liebsten und vertrautesten Schüler, Shrila Bhakti Sundar Govinda Maharaj, in den Sannyasa-Stand ein. Damit erfüllte er sich einen Herzenswunsch, den er über vierzig Jahre gehegt hatte. Shrila Shridhar Maharaj, berühmt für seinen Scharfsinn und seinen spirituellen Weitblick, wußte, was für die Zukunft seiner Math erforderlich sein würde. Deshalb erwählte er Shrila B. S. Govinda Maharaj als seinen Nachfolger. Auf Einladung seiner Schüler und Freunde besuchte Shrila Govinda Maharaj seit 1992 mehrmals viele Länder der Welt. Im August 1994 weilte er auch eine Woche in Deutschland.

Vorwort zur englischen Buchausgabe

von
Swami B. S. Govinda

Ich bin sehr glücklich, mit Shrila Bhakti Rakshak Shridhar Dev-Goswami Maharaj, unserem Shrila Guru Maharaj, persönlich in Berührung gekommen zu sein. Ebenfalls freue ich mich, dieses kleine Einführungsbuch nun mit einem Vorwort versehen zu dürfen. Shrila Guru Maharaj lebte, was er lehrte. Allein durch ihr Beispiel zeigen solche Menschen den Pfad zu einem von Freude erfüllten spirituellen Leben auf. Sie sind jedoch nicht imstande, jeden persönlich zu besuchen. Deshalb nutzen wir die Möglichkeiten der modernen Technik, um Bücher zu drucken, die der Verbreitung solcher Weisheit dienen. Die Klangschwingung, die von der Druckerpresse ausgeht, kann auf diese Weise nicht nur wohltuenden Einfluß auf diese materielle Welt ausüben, sondern auch Seelen begeistern, die bereits im spirituellen Leben gefestigt sind. Es ist sehr erfreulich und zufriedenstellend, der Veröffentlichung dieser Broschüre beizuwohnen. Sie enthält eine Auswahl aus Vorträgen unseres göttlichen Meisters. Darin werden die Grundlagen für ein spirituelles Leben auf dem Boden des ausgereiften Theismus dargelegt. Diese Broschüre wurde von seinen Schülern mit dem aufrichtigen Wunsch zusammengestellt, die bedeutsamen Lehren von Shrila Guru Maharaj anderen Menschen zugänglich zu machen.

Bis zu seinen letzten Tagen auf diesem Planeten schenkte Shrila Guru Maharaj den bedingten Seelen seine Barmherzigkeit in Form von Vorträgen, die er manchmal über mehrere Stunden ohne zu unterbrechen fortsetzte. Durch sein Beispiel können wir den Ratschlag der Schriften verstehen, daß wir uns bis zum letzten Atemzug bemühen sollten, transzendentalen Dienst auszuführen und anderen auf ihrem spirituellen Pfad zu helfen.

Wenn jemand diese Broschüre aufmerksam und ohne Voreingenommenheit liest, so wird er zweifellos Nutzen daraus ziehen. Möge er die Inspiration empfangen, sich jenem Leben der Hingabe und Liebe zuzuwenden.

KAPITEL EINS

Ausbeutung, Entsagung und Widmung

Hört bitte aufmerksam, was ich erklären möchte. Ich werde versuchen, dieses Thema auf wissenschaftliche Weise darzulegen.

Zunächst ist es wichtig zu verstehen, daß es drei Welten gibt: die Welt des materiellen Genusses, die Welt der Entsagung und die Welt der Widmung. Gegenwärtig leben wir in der Welt des sogenannten Genusses. Materieller Genuß bedeutet Ausbeutung; in einem solchen Bewußtseinszustand kann man nicht anders, als andere auszubeuten:

ahastani sahastanang

apadani catushpadam

laghuni tatra mahatang

jivo jivasya jivanam

(Bha. 1.13.47)

"Lebewesen, die Hände haben, ernähren sich von Lebewesen, die keine Hände besitzen. Einige vierfüßige Tiere leben von Gras, verschiedenen Pflanzen usw.; der Stärkere lebt auf Kosten des Schwächeren." Alles ist mit Bewußtsein erfüllt: selbst Pflanzen, Gras und Bäume haben Bewußtsein; ohne auszubeuten vermag jedoch niemand seinen Körper zu erhalten.

Dies ist die Welt der Ausbeutung. Newtons Drittes Grundgesetz besagt indessen, daß auf jede Aktion eine gleichartige, entgegengerichtete Reaktion folgt. Durch Ausbeutung nimmt man eine Anleihe auf, und um diese Anleihe zu tilgen, muß man die entsprechende Summe bezahlen. Deshalb gibt es so viele Lebewesen, die unentwegt empor- und hinabsteigen, genießen und leiden, je nach Aktion und Reaktion auf der Ebene der Ausbeutung. In der Gesellschaft geht die Ausbeutung bis zum äußersten; allerorts versuchen die Menschen, auf Kosten der anderen zu leben. Da dies nun einmal die Welt der Ausbeutung ist, kann das gar nicht anders sein.

Die Buddhisten, die Jainas, die Anhänger Shankaras und viele andere versuchen, aus dieser Verstrickung freizukommen und zu einem Leben ohne Ausbeutung, Aktion und Reaktion zu finden. Um Aktion und Reaktion zu vermeiden, unternehmen sie es, sich im Bewußtsein der Entsagung zu verankern, und erreichen so einen Zustand des Samadhi, der einem traumlosen Schlaf ähnelt: vollkommen zurückgezogen von der äußeren Welt und verankert im Inneren. Ohne ihren Gefühlen zu gestatten, an der niederen Ebene Anteil zu nehmen, bewahren sie fortwährend diesen inneren Zustand. Dies läßt sich mit einem traumlosen Schlaf vergleichen.

Die Vaishnavas – jene Menschen, die dem Höchsten Persönlichen Gott, Shri Krishna, Dienst darbringen – sind der Auffassung, daß es noch eine andere Welt gibt, die Welt der Widmung. Diese Widmung ist genau das Gegenteil der Ausbeutung. In der materiellen Welt ist jedes Lebewesen darauf aus, andere Lebewesen auszubeuten; in der Welt der Widmung jedoch möchte jedes Lebewesen der Gemeinschaft dienen. Aber nicht einfach nur der Gemeinschaft; der wirkliche Schlüssel zum Leben in dieser Welt besteht vielmehr darin, dem Zentrum zu dienen. Wir leben in einem organischen Ganzen, in dem jeder Punkt auf den Mittelpunkt ausgerichtet sein muß. Dies wird im Shrimad-Bhagavatam durch das Sinnbild des Bewässerns der Wurzeln eines Baumes verdeutlicht:

yatha taror mula-nishecanena

tripyanti tat-skandha-bhujopashakhaha

pranopaharac ca yathendriyanang

tathaiva sarvarhanam acyutejya

(Bha. 4.31.14)

In der Vedischen Literatur finden wir die Aufforderung: "Versuche jenes zu entdecken, durch dessen Erkenntnis man alles erkennt":

yasmina jnjate sarvvamidang

vijnjatang bhavati

yasmina prapte sarvvamidang

praptam bhavati

tad vijijnjasasva tadeva brahma

Wenn man den Mittelpunkt von allem erkennt, so erkennt man zugleich das Ganze, und wenn man ihn erreicht, so hat man alles erreicht. Überall in den Veden finden wir den Ratschlag, sich zu bemühen, dieses Zentrum zu erkunden. Versucht, diesem Rat zu folgen. Zunächst mögen einige denken, dies sei eine lächerliche Aufforderung: "Was sollte das sein, daß man alles wisse, wenn man dieses wisse, daß man alles erlange, wenn man dieses erlange? Nur ein Verrückter kann solche Sachen sagen!" Im Shrimad-Bhagavatam wird zur Erklärung eine Analogie gebraucht: wenn man die Wurzel eines Baumes bewässert, so wird der ganze Baum versorgt sein; und wenn man dem Magen Nahrung zuführt, wird der ganze Körper gesättigt. Wenn man also dem Zentrum dient, so wird zugleich dem Ganzen gedient. Dies ist möglich, und dies zu tun, bedeutet, in die Welt der Widmung einzutreten. Versucht, in die Welt der Widmung einzutreten und meidet die Welt der Ausbeutung und die Welt der Entsagung. Euer Atma, euer wahres Selbst, ist ein Bewohner jener Welt. Dort befindet sich die wirkliche Welt, wohingegen hier nur ein verzerrter Schatten davon zu finden ist.

Die wirkliche Welt ist dort, wo jeder dem Ganzen, das durch das Zentrum repräsentiert wird, hingegeben ist; geradeso wie in einem gesunden Körper jedes Atom für das Wohl des ganzen Körpers arbeitet. Wenn ein Atom für sich selbst arbeitet, beutet es alles für seine eigenen Zwecke aus. Solche beschränkte Tätigkeit für beschränkte Interessen ist zweifellos leidvoll. Jeder Körperteil, und jedes Atom, sollte für das Wohl des ganzen Systems arbeiten. Es gibt dieses Zentrum, durch dessen Führung das Wohl des Ganzen gewährleistet wird.

Welche Position hat das Zentrum inne? Dies wird in der Bhagavad-gita beschrieben:

sarvva-dharmman parityajya,

mam ekang sharanang vraja

(Bg. 18.66)

Krishna, der Höchste Herr, erklärt Seine Stellung wie folgt: "Gib alle Dharmmas (Verpflichtungen) auf und gib dich Mir hin."

Nun möchte ich diese Auffassung aus einem anderen Blickwinkel erläutern.

Hegel war ein großer deutscher Philosoph und seine Philosophie wird als Perfektionismus bezeichnet. Er äußerte folgenden Gedanken: die Absolute Wahrheit, der Ursprung von allem, muß zweierlei Eigenschaften besitzen. Welche sind dies? Sie muß durch sich selbst und für sich selbst existieren.

Versucht bitte, das zu durchdenken. Durch sich selbst bedeutet, daß Sie Ihr eigener Ursprung ist – es gibt nichts, das Sie hervorbrachte. Wenn Sie durch irgendetwas erzeugt worden wäre, so würde diesem Schöpfer der erste Rang zukommen. Deshalb muß Sie, um absolut zu sein, anadi, ewig existierend sein und nicht erschaffen durch etwas anderes. Das Absolute muß diese Eigenschaft haben.

Die nächste Eigenschaft der Absoluten Wahrheit ist, daß Sie für sich selbst besteht. Sie existiert zu Ihrem eigenen Behagen, nicht zu irgendjemand anderes Freude. Wenn Ihre Existenz den Zweck hätte, eine andere Wesenheit zufriedenzustellen, dann würde Sie nur zweitrangig sein, und jene, deren Befriedigung Sie dient, würde die erste Rolle spielen.

Daher muß Gott, die Verkörperung des Absoluten, diese zwei Eigenschaften besitzen: Er ist Sein eigener Ursprung, und Er ist nur zu Seiner eigenen Freude da, nur um Seinen eigenen Zweck zu erfüllen. Der Absolute ist durch sich selbst und für sich selbst. Wenn sich irgendein Strohhalm bewegt, so bewegt er sich, um den Zweck des Absoluten zu erfüllen. Alles – jedes Ereignis, das wo auch immer geschehen möge – geschieht zu Seiner Freude. Was in Wirklichkeit abläuft ist Seine Lila, Sein Spiel. Wir unsererseits werden jedoch von eigensüchtigen Interessen geleitet: familiären oder sozialen, nationalen oder humanitären Interessen usw. Aus der Sicht des Unendlichen ist das alles nur ein winziges Bruchstück; nichtsdestotrotz verfolgen wir weiterhin solche eigensüchtigen Interessen. All diese zahllosen Eigeninteressen liegen ständig in Widerstreit miteinander, und daher gibt es viel Verdruß. Wir sollten jedoch all unsere sogenannten Interessen aufgeben, die Mißverständnisse beseitigen, und versuchen, die Funktion eines Wesens zu erfüllen, das sich für die Grundlagen des Ganzen einsetzt.

Die Schlußfolgerung der von Krishna gesprochenen Bhagavad-gita lautet: "Sarvva-dharmman parityajya – Gib alle Verpflichtungen auf, die du noch glaubst erfüllen zu müssen, und – mam ekang sharanang vraja – gib dich Mir hin."

ahang tvang sarvva-papebhyo

mokshayishyami ma shucaha

"Ich werde dich von allen Leiden befreien, was auch immer dir widerfahren mag."

Mit anderen Worten, ihr solltet euch voller Vertrauen dem Zentrum zuwenden. Gegenwärtig dienen all eure Verpflichtungen beschränkten Interessen; gebt diese beschränkte Auffasssung von euren eigenen Interessen auf und macht euch die Interessen des organischen Ganzen zu eigen.

Wir sehen, daß ein Polizeibeamter bestraft wird, wenn er auch nur drei Rupees zu seinem eigenen Vorteil beiseite schafft. Wenn er jedoch mehrere Verbrecher im Interesse der Allgemeinheit tötet, so wird er belohnt. In diesem Sinne ist alles gut, was zum Wohl des Ganzen getan wird, wohingegen man für das, was man nur für sich selbst oder für irgendeinen Kumpan tut, bestraft wird. In einem Unternehmen haben wir nicht das Recht, Bestechungsgeld zu unserem eigenen Vorteil anzunehmen, und zugleich sind wir nicht berechtigt, einen Streik auszurufen und die Arbeit niederzulegen, weil dadurch das Unternehmen gefährdet wird.

Weder Ausbeutung noch Entsagung sind ratsam. Ausbeutung ist ganz offenkundig schlecht, und da es keinen Sinn hat zu streiken, ist Entsagung ebenfalls falsch. In einem organischen Ganzen ist es von allgemeinem Interesse, daß jeder dem Zentrum dient; und dem Zentrum bedeutet dem Ganzen. Wenn wir dem Magen Nahrung zuführen, wird der Magen diese zu jedem Körperteil, je nach Erfordernis, weiterleiten. Diese Art zu handeln ist Vaishnavatum. Wir sind Teile des organischen Ganzen. Wir haben Pflichten gegenüber dem Ganzen; daran zeigt sich unsere wirkliche Widmung für das Ganze. Wir dürfen die Nahrung nicht ins Auge oder in die Nase oder ins Ohr oder sonstwohin tun; nur wenn wir die Nahrung dem Magen zuführen, wird sie richtig verteilt und der ganze Organismus wird gesund bleiben. Jeder von uns ist ein Teil des gesamten Universums, und unsere Pflicht besteht darin, für das Ganze tätig zu sein; das ist Hingabe, Widmung, Aufopferung. Und wie können wir etwas darüber in Erfahrung bringen? Wir können uns den offenbarten Schriften zuwenden, und wir können Hilfe von den vielen Heiligen und Lehrern empfangen, die aus jener Welt der Widmung kommen, um uns Harmonie zu schenken.

Die Philosophie der höchsten Harmonie wurde der Welt von Mahaprabhu Shri Chaitanyadev geschenkt. Er lehrte Hingabe auf der Grundlage des Shrimad-Bhagavatam, jenes Buches, das die Schlußfolgerungen aller offenbarten Schriften enthält. Er erklärte, daß Kraft und Macht nicht die höchsten Errungenschaften sind, sondern vom Wissen übertrumpft werden. Das Wissen kann die Macht steuern, so daß etwas Gutes dabei herauskommen mag. Aber auch das Wissen ist von untergeordnetem Rang: darüber steht Liebe und Zuneigung, und das ist das Höchste. Weder Wissen noch Macht, sondern nur Liebe kann uns die Erfüllung des Lebens schenken.

Barmherzigkeit steht über Gerechtigkeit. Gerechtigkeit gibt es nur dort, wo Gesetze, Vorschriften usw. erforderlich sind; im Reich des Absoluten Autokraten, des absolut Guten, kann es keine Beschwerde geben. Er ist das Absolut Gute, und das bedeutet Absolute Liebe und Zuneigung, und dort ist unser Zuhause! Zurück zu Gott, zurück nach Hause. Woran erkennt man sein wirkliches Zuhause? Es ist dort, wo wir fühlen, daß wir unter uns wirklich wohlgesonnenen Menschen sind. Wenn wir dort nicht mehr auf unseren eigenen Vorteil bedacht sind, so werden sich so viele finden, die sich um uns kümmern – ohne zu übertreiben, alle werden auf uns achtgeben – und das heißt, zu Hause zu sein. Das ist der Bereich des Absoluten; wir können in Seinen Dienst treten und so das höchste Ziel erreichen, und auf diese Weise all der Zuneigung, Liebe, Harmonie und Schönheit teilhaftig werden die es dort gibt. All diese Eigenschaften sind miteinander verwandt; sie konstituieren das Wesen des Absolut Guten, und wir sollten dorthin gehen.

Weil wir unseren freien Willen mißbrauchten, sind wir irgendwie vom Weg abgekommen, nun aber ruft man uns: "Komm nach Hause, zurück zu Gott, zurück nach Hause, dem höchsten Ziel, dem Land der Liebe." Dies ist der Kern dessen, was ich euch darlegen möchte – es ist dies die Krishna-Philosophie der Bhagavad-gita und des Shrimad-Bhagavatam, wie sie von Shri Chaitanyadev gelehrt wurde. Die Shri Chaitanya Saraswat Math und die Gaudiya-Vaishnavas ermutigen jeden: "Geh zum Zentrum, nutze dein Leben für die völlige Widmung für das Zentrum. Dieses Zentrum ist jenseits der Gerechtigkeit. Es ist allbarmherzig, voll Zuneigung und Liebe, und wunderschön."

Dies ist der allgemeine Hintergrund der Vaishnava-Philosophie, der Shrimad Bhagavad-gita und des Shrimad-Bhagavatam – Ausbeutung, Entsagung und Widmung sind die drei Welten, und unser wahres Selbst ist ein Bewohner der Welt der Widmung. Alle sind im Grunde hingabefähige Geschöpfe, aber irgendwie, durch Mißbrauch ihres teilweisen freien Willens, sind sie in die Welt der Ausbeutung geraten. Buddha, Jain, Pareshanath und andere bringen denen Nutzen, die der Ausbeutung – der Aktion und Reaktion – durch vollständige Entsagung entkommen wollen. Sie stellten die Behauptung auf, daß die Seele nach einem solchen Rückzug glücklich sein kann. Dabei besteht jedoch immer die Gefahr, wieder verstrickt zu werden.

Die wirklich glücklichen Seelen leben jedoch in der Welt der Widmung, und wenn wir herausfinden wollen, wo die Harmonie zwischen ihnen herrührt, und was ihnen Geborgenheit gibt, so werden wir feststellen, daß sie alle für das Ganze tätig sind, und daß das Ganze durch das Absolut Gute repräsentiert wird. Zum Verständnis all dessen ist die menschliche Lebensform sehr geeignet. Mit dem Beistand der Sadhus, der Heiligen, sollten wir unser Bestes versuchen, um der Verstrickung in die Welt der Ausbeutung zu entkommen und in die Welt der Liebe, Widmung und Zuneigung einzutreten.

ZWEITES KAPITEL

Die Welt des Unvergänglichen

Unser Zuhause schenkt uns Freiheit, Geborgenheit – all das, wonach wir uns sehnen. Es ist ganz natürlich, daß dort Vertrauen, Liebe und Zuneigung im Mittelpunkt stehen. Das ist durch Logik nicht zu ergründen. In den Upanishaden heißt es: "Versuche nicht, das Unbegreifliche mit deinem Verstand zu durchdringen. Dies ist jenseits deines Denkvermögens. Es unterliegt anderen Gesetzmäßigkeiten. Deine mathematischen Berechnungen und Schlußfolgerungen passen auf die Welt der Punkte, Ebenen und Körper. Gegenwärtig lebst du in dieser Welt der Körper und bist auf abstrakte Weise mit Ebenen und Punkten verbunden. Wie kannst du also höhere Dinge verstehen, über die du keinerlei Wissen hast? Die Lebensweise und die Gesetze jener höheren Welt sind dir unbekannt; daher bist du außerstande, darüber zu sprechen. Jene höhere Welt ist von vollkommen anderer Art."

Wenn dein Wissen auf die Gesetzmäßigkeiten des Wassers beschränkt ist, wie kannst du dann Aussagen über die Luft treffen? Und wenn du nur mit den Gesetzen der Luft vertraut bist, wie kannst du da Berechnungen über die Sphäre des Äthers anstellen? Deshalb versuche nicht, über Dinge zu urteilen, die sich jenseits deines Vorstellungsvermögens befinden; das wäre töricht.

Der gewöhnliche Mensch in dieser Welt weiß nichts von der Existenz höherer Wahrheit. Wenn uns jedoch jemand, der Kenntnis davon hat, einige Informationen darüber gibt, so können wir einen Vergleich anstellen: "Dieser Herr ist bei der Untersuchung des Äthers zu diesen Ergebnissen gekommen, ein anderer Herr, der ebenfalls mit dem Äther experimentierte, hat etwas anderes herausgefunden." Auf diese Weise können wir uns ein Bild von ihren Untersuchungen und dem Grad ihrer Vertrautheit mit dem Untersuchungsgegenstand machen.

Die Beobachtungen, die mit Hilfe von verschiedenen Teleskopen gemacht worden sind, lassen sich miteinander vergleichen.

Wie man mit dem geistigen 'Teleskop' bzw. dem 'Teleskop' der Seele nach Höherem forscht, wird in den Schriften beschrieben. Die Gottgweihten sind mit diesem Thema vertraut, und wir sollten ihre Hilfe nutzen, um Zutritt zu jener höheren Welt zu bekommen. Gegenwärtig haben wir keinerlei Erfahrungen davon; später jedoch, wenn wir selber über jene Art von Teleskop verfügen, werden wir imstande sein, solche höheren Erfahrungen zu machen.

sve svehadhikare ya nishtha

sagunaha parikirttitaha

"Es ist wichtig, seinem wirklichen Selbst-Interesse zu folgen."

acintyaha khalu ye bhava

nastang tarkena yojayet

Laßt nicht zu, daß Argumente und Beweise alles überschatten. Seine Überzeugungen sollte man nicht von bloßen Argumenten abhängig machen. Die spirituelle Welt ist acintya, unbegreiflich; wir können uns der Wahrheit immer nur je nach unseren Fähigkeiten, unserem Vertrauen und unserer Verwirklichung annähern. Vor allem müssen wir erkennen, daß die Süße süß und daß die Wahrheit die Wahrheit ist, welcher Grad es auch immer sein mag; wir sollten jedoch nicht versuchen, Grundsätze, die auf die materielle Welt zutreffen, auf jene höhere Welt anzuwenden.

Es ist normal, daß ein Blinder einen Sehenden um Hilfe bitten. Wir sind ebenfalls blind für unser Inneres; deshalb ist es erforderlich, einen Arzt zu konsultieren. Der Arzt kann erkennen, was uns verborgen ist: er stellt die Diagnose und dann kann die Behandlung beginnen. Wir sind ihm dankbar und geben ihm etwas für seine Hilfe – das ist der natürliche Gang der Dinge.

Der Guru ist mit einem Augenarzt vergleichbar, und wir werden seine Befähigung erkennen, wenn wir sehen, daß das, was er sagt, wahr und nicht frei erfunden ist. Das hängt vom vom Grad der Gesundung unserer Augen ab. Wenn ein Blinder von einem fähigen Arzt behandelt wird, so wird er allmählich spüren: "Ja, ich beginne, etwas zu sehen. Ich kann etwas wahrnehmen mit den Augen." Von nun an gibt er nichts mehr auf die Meinung der anderen Blinden, sondern setzt alles daran, sein volles Sehvermögen zu erlangen. Dadurch, daß sich das Sehen einstellt, merkt er, daß die Behandlung tatsächlich wirkt.

In der Wissenschaft verhält es sich ähnlich. Als Faraday die Elektrizität entdeckte, lachten ihn viele aus: "Was ist denn das? Das soll wohl ein Witz sein. Welchen Nutzen hat das schon?"

Ich las einmal einen Bericht darüber, wie Faraday seine Forschungsergebnisse durch ein Experiment demonstrierte. Er erzeugte mit einem Apparat ein elektrisches Feld, und zeigte, daß kleine Papierschnipsel dadurch in Bewegung versetzt wurden. Viele der Anwesenden waren erstaunt und freuten sich darüber, Eine Dame fragte jedoch: "Aber, Herr Faraday, welchen Nutzen haben wir von einer solchen Spielerei?"

Faraday erwiderte: "Gnädige Frau, können Sie mir bitte sagen, welchen Nutzen wir von einem neugeborenen Kind haben?" Sein Argument war, daß man ein Baby erst großziehen muß, bevor es sich später als Erwachsener nützlich machen kann. So ist es auch mit dem Gottesbewußtsein. Einige meinen, dies wäre überflüssig, eine Mode oder nur eine Spielerei, und hätte keinen direkten Nutzen. Wenn jemand jedoch tiefere Erfahrungen im Gottesbewußtsein macht, so wird er alles andere als nutzlos ansehen. Warum? Weil wir letzten Endes leben wollen. Wir wollen nicht sterben.

Zu leben ist das wichtigste für jeden von uns. Niemand wird leugnen, daß er leben möchte. Doch niemand will nur einfach dahinvegetieren. Es geht darum, ein glückliches und bewußtes Leben zu führen. Außerdem möchte sich jeder Schmerz, Leid usw. ersparen.

Wenn jemand Gottesbewußtsein entwickelt, so denkt er: "Warum geben die Menschen ihre erfolglose Jagd nach dem Glück in der materiellen Welt nicht auf? Ein jeder sucht Freude, läuft aber doch nur Hirngespinsten nach."

In der Welt der Vergänglichkeit kann man wirkliches Glück nicht finden. Wir versuchen zwar, inmitten vergänglicher Dinge glücklich zu werden, sind aber ständig unzufrieden. Auf diese Weise verschwenden wir unsere Lebensenergie. Was wir auf der einen Seite gewinnen, verlieren wir auf der anderen. Ein weiser Mensch wird eine solche Energieverschwendung nicht zum Prinzip seines Lebens machen.

Ein solcher Mensch nutzt sein Leben für etwas anderes. Er bemüht sich nicht darum, es sich in dieser vergänglichen Welt häuslich einzurichten. Er weiß: "Ich bin unsterblich. Mein Zuhause ist die Welt des Unvergänglichen; doch irgendwie habe ich mich in diese Welt des Todes verstrickt. Wenn ich diese Verstrickungen abschüttle, werde ich imstande sein heimzukehren." Er erkennt, daß er selbst – die Seele, der Empfindende, der Denkende – einer anderen Welt angehört, sich jedoch in diese vergängliche, leidvolle Welt verirrt hat. Diese Welt ist voller Leid. Ein weiser Mensch wird danach streben, zur Welt des Unvergänglichen zu gelangen.

Wenn sich erste Erfahrungen einstellen, werden wir uns bestätigt fühlen: "Nun nehme ich all diese Dinge wahr, und diese Wahrnehmung ist wirklicher als die Welt um mich herum. Was ich nun wahrnehme, ist wirklicher als die nebelhafte materielle Welt."

Die Seele kann mit Gott unmittelbar in Austausch treten. Unser gegenwärtiges Leben ist jedoch durch indirekten Austausch gekennzeichnet: zuerst nimmt man die Welt durch die Augen, Ohren usw. wahr und dann werden diese Wahrnehmungen zum Verstand weitergeleitet. Auf diese Weise machen wir Erfahrungen von der Welt. Was aber die Seele betrifft, so kann sie direkt, ohne irgendwelche Hilfsmittel, Empfindungen haben.

Es ist ein Unterschied, ob man einen Gegenstand durch ein Mikroskop oder mit dem bloßen Auge betrachtet. Die Sinne vermitteln uns bestimmte Erfahrungen von dieser Welt. Wenn wir jedoch den Versuch aufgeben, auf der Ebene der Sinneserfahrungen 'fortzuschreiten', so werden wir imstande sein, das wirkliche Wesen der Seele zu begreifen. Wir werden unmittelbar erkennen, wer wir sind.

Die Seele kann sich selbst erkennen; sie kann sich auf sich selbst konzentrieren und durch Innenschau ihre ureigene Natur verwirklichen. Durch Innenschau, ohne äußere Hilfsmittel, wird die Seele zu einem klaren Verständnis ihrer selbst gelangen. Sie wird erkennen, wo ihr wirkliches Zuhause ist. Dann begreift sie: "Ich bin unsterblich."

Die materielle Welt ist die Welt der Verzerrungen und der Mißverständnisse, wohingegen es in der spirituellen Welt keinerlei falsche Vorstellungen gibt. Wenn wir dort Zutritt bekommen, so werden wir die Wahrheit verstehen. Jeder, der dies erfährt, wird bezaubert sein und den Wunsch haben, weiter fortzuschreiten.

Sokrates wußte, daß die Seele unsterblich ist. Er war sich dessen so gewiß, daß er seinem Leben in dieser materiellen Welt keinen Wert beimaß. Er verließ diese Welt leichten Herzens, da er davon überzeugt war, daß die Seele unsterblich ist. Jesus Christus war seinem Herrn so ergeben, daß er den Freuden dieser Welt keine Aufmerksamkeit schenkte; all das war ihm gleichgültig.

Es gibt viele Dinge, die für das fleischliche Auge unsichtbar, für das Auge des Wissens jedoch sichtbar sind. So gibt es eine tiefere Sicht, durch die wir die Dinge in einer anderen, hoffnungsvolleren Weise betrachten können: "Komm und sieh!" Die Augen können nicht richtig sehen, wenn sie an Star leiden. Erst wenn der Star operiert wurde, können sie ihre Funktion wieder erfüllen. Unwissenheit ist mit einer Augenkrankheit vergleichbar, die Blindheit verursacht. Unsere Sicht ist nur oberflächlich; durch eine tiefere Sichtweise können wir jedoch viele Dinge sehen. Dieses Auge kann, wenn es durch das Auge des Wissens unterstützt wird, immer tiefer in das Wesen der Dinge eindringen.

Unsere oberflächliche Sicht bringt keinen Nutzen. Wirklichen Nutzen erlangt nur derjenige, der die Dinge genau ergründet. Dabei lassen sich verschiedene Grade unterscheiden: es gibt gescheite, kluge und weise Menschen; jeder betrachtet die Dinge auf seine Weise je nach der eigenen Auffassungsgabe.

Es ist leicht zu erkennen, daß wir gegenwärtig Bewohner dieser vergänglichen Welt sind. Doch was verbindet uns mit dieser Welt? Es ist unser Körper, der hier lebt. Wenn wir über den Körper hinausgehen, so kommen wir zum Verstand, dann zur Intelligenz, dann zur Seele. Wir stellen fest, daß die Sphäre, der die Seele angehört, ewig ist, und daß die Seele selbst ebenfalls ewig ist. Von der Seele her können wir uns der Überseele zuwenden, dem Ursprung all unserer Gedanken. Die Überseele ist wie die Sonne, von der alle Lichtstrahlen ausgehen. Wenn wir einen Lichtstrahl sehen, so können wir nach dem Standort der Sonne Ausschau halten. In ähnlicher Weise können wir vom Verständnis unseres eigenen Bewußtseins und unseres eigenen Selbstes ausgehend, die Sphäre des Über-Bewußtseins, des Über-Wissens und der Über-Existenz erkunden. Dergestalt können wir fortschreiten bis hin zur Quelle, zum Ursprung von allem. Dabei sollten wir uns jedoch nicht von unserem eigenen Gutdünken leiten lassen, sondern uns nach Hilfe, die von jener Ebene selber kommt, umtun. Solche Hilfe kann uns in Gestalt des Gurus, der Vaishnavas und anderer Botschafter jenes Landes zuteil werden. Mit ihrer Hilfe können wir uns wirklich jenem Ziel annähern.

Gegenwärtig verhalten wir uns wie Monarchen gegenüber unserer Umwelt. Aber dies ist zeitweilig, vergänglich und dem Gesetz von Aktion und Reaktion unterworfen. Wenn wir genau hinsehen, stellen wir fest, daß all das Reaktionen zur Folge hat. Was uns heute noch erfreut, wird schon morgen zur Quelle von Leid. Deshalb sollten wir nach einem besseren Platz suchen, um uns häuslich einzurichten. Diese Suche wird uns zu unserem ureigenen Zuhause führen, und wir werden spüren, daß es allvollkommen ist.

"Nach Hause. Zurück zu Gott, zurück nach Hause – unser liebliches, liebliches Zuhause." Dieses Gefühl wird in uns erwachen, wenn wir die Barmherzigkeit der Diener des Herrn bekommen. Dann werden auch wir jene Welt der Widmung betreten dürfen, und wir werden verstehen, daß dort unser wirkliches Zuhause ist. Auf diese Weise werden wir dorthingelangen.

Zunächst mögen wir denken, daß wir ins Ungewisse gehen: "So viele Lebewesen umgeben mich in dieser Welt, in der ich gegenwärtig lebe. Aber wohin mich mein Weg jetzt führen wird, ist ungewiß. Es scheint imaginär und abstrakt."

Wenn wir auf unserer Reise vorwärtskommen, so werden wir jedoch erkennen, daß sich die meisten Seelen in jener anderen Welt, in der Welt der Wahrheit, aufhalten. Wir werden allmählich begreifen, daß die materielle Welt sehr arm und beschränkt ist, und daß man hier nur einen schwachen Abglanz der Wahrheit findet.

Bislang dachten wir, daß die meisten Seelen in dieser Welt leben, und daß nur einige auserwählte unter ihnen, wie z.B. Sokrates, Mohammed, Buddha usw., von hier zur Welt des Unvergänglichen gehen. Nach und nach werden wir jedoch verstehen, daß die spirituelle Welt unvergleichlich größer ist als der materielle Bereich, den wir hier sehen. Genauso wie in einem Land immer nur ein kleiner Teil der Menschen im Gefängnis sitzt, so sind es auch nur relativ wenige Lebewesen, die in der materiellen Welt leiden müssen. Dieses Verständnis wird uns anspornen, um rascher nach Hause eilen. Laßt uns nach Hause gehen! Und je näher wir unserem Zuhause kommen, desto deutlicher werden wir fühlen: "Oh, dort ist mein Zuhause!", und dies wird unsere Schritte beschleunigen.

Gegenwärtig befinden wir uns in der Fremde, und unser Verstand ist mit lauter unnützen Dingen beschäftigt. Wir sind in einer hilflosen Situation. Unsere Hoffnung ist einzig und allein die Barmherzigkeit der göttlichen Botschafter. Sie kommen, um uns zu erretten: "Was tust du? Geh nicht dorthin. Dort wartet nur der Tod auf dich. Komm mit mir. Ich nehme dich mit zum Land des ewigen Nektars." Jene Botschafter kommen, um uns aus unserem Schlaf, aus unserer Unwissenheit, wachzurütteln. Dies sind die Vaishnavas, und sie haben uns auch die Schriften geschenkt, in denen jenes wunderbare Land und dessen Bewohner beschrieben werden. Durch das Hören und Lesen der Schriften wird unser Vertrauen allmählich wachsen, und so werden wir uns immer mehr die Gemeinschaft der Sadhus wünschen. Durch diese Gemeinschaft werden wir rasch fortschreiten.

Der Gradmesser, ob man wirklich fortschreitet, ist das eigene Gefühl. Hridaye nabhya nujnjato. Das eigene Herz wird einem sagen, ob man Fortschritt macht oder nicht. Nicht selten kommt es vor, daß jemand zu etwas verleitet wird, und dann frustriert ist – aber da ist etwas faul an der Sache. Im Namen von Religion und Spiritualität werden viele solcher Dinge veranstaltet. Aber daß aus der Sehnsucht der Menschen vielerorts ein Geschäft gemacht wird, bedeutet nicht, daß spirituelle Verwirklichung und echte Befreiung nicht möglich sind. Hridaye nabhya nujnjato – die Bestätigung findet man im eigenen Herzen: "Ja, das ist es tatsächlich, was ich gesucht habe. Im Innersten meines Herzens möchte ich vor Freude singen und tanzen. Es ist so wunderbar, daß ein solcher Fortschritt möglich ist."

KAPITEL DREI

Auf der Suche

Für gewöhnlich sind unsere Handlungen darauf gerichtet, uns zu bereichern, indem wir die Umgebung und die Natur ausbeuten. Ständig versuchen wir, mehr und mehr materielle Reichtümer anzuhäufen, um sie für unsere Zwecke zu verwenden bzw. für Notzeiten aufzuspeichern. Das ist das allgemeine Charakteristikum derer, die in der materiellen Welt leben. Und wenn diese Bemühungen auf irgendein Hindernis stoßen, so wird gesagt, daß eben die Umstände sehr schlecht sind, da sie dem Inhalt des materiellen, ausbeuterischen Lebens entgegenstehen. Aber wir sollten verstehen, daß die äußeren Umstände uns nicht soviel Schaden zufügen können wie es unsere innere Apathie tun kann. Warum vernachlässigen wir es, unseren inneren Reichtum zu mehren? Wir sollten diesen Punkt bedenken: die Geschehnisse in der äußeren Welt sind nicht ausschlaggebend – all das kommt und geht. Selbst der Körper, der gegenwärtig im Mittelpunkt unseres Denkens steht, wird vergehen; was ist also der Nutzen davon, sich so intensiv mit körperlichen Annehmlichkeiten zu befassen? Erwecke den wirklichen Menschen in dir; versuche, ihn zu finden. Dies ist allerdings nur mit Hilfe der Sadhus, der heiligen Persönlichkeiten, möglich.

Jeder Tag, an dem wir keinen Sadhu getroffen und uns mit der inneren Bedeutung und Substanz unseres Lebens befasst haben, ist verloren. Sei dir bewußt darüber, und wende dich deinem inneren Selbst zu. In jeder Hinsicht sei bedacht auf dein inneres Selbst bedacht. Suche nach deinem wirklichen Selbst-Interesse. Verliere dich nicht in der äußeren Welt, sondern tauche tief in die Wirklichkeit, in deinen inneren Reichtum, ein. Finde dein inneres Selbst, und die Welt in dir, wo dein inneres Selbst lebt. Trachte danach, dein Zuhause zu finden. Zurück zu Gott, zurück nach Hause. Nutze deine Lebensenergie dazu, nach Hause zu gelangen, und nicht dazu, in einem fremden Land, dem Land des Todes, umherzuirren. Laß die Welt des Todes um jeden Preis hinter dir, und bemühe dich darum, die ewige Welt zu finden. Ihr werdet erkennen, daß ihr im Grunde Bewohner jener Welt seid. Versucht zu verstehen, wo euer Zuhause ist, und warum ihr dort zuhause seid. Was bedeutet Zuhausesein? Unser Zuhause ist jener Platz, auf den wir einen natürlichen Anspruch haben. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, daß wir gegenwärtig nicht zu Hause sind. Wenn wir uns jedoch danach sehnen, so sind wir vom Glück begünstigt.

Wir sollten versuchen herauszufinden, wie wir unseren inneren Durst stillen können. Unser Haltung sollte sein: "Ich verbringe mein Leben in dieser Welt, aber ich bin unzufrieden. Wie kann mein inneres Selbst Zufriedenheit finden?" Wir haben so viele Wünsche; doch wodurch können sie in Erfüllung gehen? Gegenwärtig haben wir zwar diesen Körper aus Fleisch und Blut, aber wir brauchen nicht alles über den Körper, über Knochen, Nervensystem, Blut usw., zu wissen. Die chemische Zusammensetzung des Blutes ist für uns eine völlig unwichtige Einzelheit. Unser Forschen sollte wie folgt aussehen: "Wer bin ich, und warum habe ich so viele Probleme? Ich weiß nicht, wie ich mich von diesen Problemen befreien kann." Das sind die Punkte, mit denen wir uns befassen sollten.

Athato brahma-jijnjasa. "Woher bin ich gekommen? Wie lebe ich jetzt, und wie sieht meine Zukunft aus?" Das sind die Hauptfragen, mit denen wir uns beschäftigen sollten. Und wir müssen unsere ganze Energie daransetzen, um die Antwort zu finden. Das ist nicht nur für eine einzelne Person, für mich selbst, gültig, sondern für alle Lebewesen.

Man sollte nach dem Ursprung der Schöpfung suchen; nach diesem und jenem, und so vielen hundert Dingen zu suchen, ist jedoch nur Energieverschwendung. In den Schriften wurden die Hauptfragen des Lebens folgendermaßen formuliert: "Woher bin ich gekommen? Was erhält mich? Was sieht meine Zukunft aus? Warum habe ich Sorgen, und wie kann ich innere Erfüllung finden?" Alles Fragen sollte diesem Standard folgen, andernfalls geht man in die Irre, und die eigene Neugier kennt kein Ende. Deshalb müssen wir lernen, wie man fragt, wie man sucht, und auf diese Weise wird unsere Energie nutzbringend angewendet und nicht vergeudet sein.

Die Suche hat Sinn, wenn sie darauf gerichtet ist, das wirkliche Ziel zu erreichen. Daher sollten wir unsere Energie sparen und sie in den richtigen Kanal leiten. Wir leben im Kali-yuga, dem Zeitalter des Streites, und das einzige, was uns wirklich helfen kann, ist die Gemeinschaft mit heiligen Persönlichkeiten und mit dem Heiligen Namen Krshnas – sadhu-sange krishna-nama. Ansonsten werden wir fehlgehen bei jedem Schritt.

sadhu-sange krishna-nama ei matra cai

sangsara jinite ara kona vasttu nai

Dies ist der grundlegende Ratschlag von Shri Caitanya Mahaprabhu, und es gibt nichts anderes, was hilfreicher für uns wäre, um uns von allem Unerwünschten zu befreien.

Shri Caitanya sagte, daß es sehr schwierig ist, Fortschritt zu machen, wenn man den Krishna-nama ohne die Gemeinschaft der Sadhus chantet. Deshalb wird Sadhu-sanga empfohlen. Wir sollten die Gemeinschaft von selbstverwirklichten Seelen suchen, dann wird alles seinen richtigen Gang gehen.

Der König der Sadhus ist der Guru. Gurudev ist der König unter all den gütigen Menschen, die uns leiten können. Der Guru ist jemand, der das höchste Ideal verkörpert, und der imstande ist, uns auf vollkommene Weise zu leiten. Wem könnten wir sonst glauben und vertrauen, und wem könnten wir uns sonst vollständig hingeben? Der Guru ist dort, wo unsere Suche ihre höchste Erfüllung findet. Durch den Guru kommen spirituelle Unterweisungen von oben, von der wunderbaren Sphäre der Liebe, herab. Wir sollten uns mit dieser hohen und feinen Welle verknüpfen, und so werden wir vom Glück begünstigt sein. Dies ist der allgemeine Ratschlag.

Wir sollten bemüht sein, der höheren Agentur, den Abgesandten der höheren Provinzen, stets zur Verfügung zu stehen. Auf diese Weise werden wir mit einer höheren, überaus subtilen Schicht des Lebens in Kontakt kommen. Es gibt so viele verschiedene Interessen, die sich durch bestimmte Vor- und Nachteile auszeichnen, aber unser Wunsch sollte es sein, uns mit dem höchsten Interesse zu verbinden.

Wir sollten zu der Einsicht kommen, daß das materielle Leben keinerlei Reiz hat. Die Erfahrung mag uns lehren, daß dies alles schal und langweilig ist. Dort, wo man den vier Leiden – Janma, Mrityu, Jara, Vyadhi; Geburt, Tod, Alter, und Krankheit – unterworfen ist, dort gibt es kein wirkliches Glück. Wo immer der Tod ist, dort kann kein Glück sein. In einer solchen Welt sind wir immer vom Tod bedroht. Dort gibt es nichts, was uns anziehen könnte. Deshalb sollten wir begierig danach suchen, wo wir wirklich leben können. Wir sollten eine höhere Ebene wählen, wo wir imstande sind zu leben.

yad gatva na nivartante

tad dhama paramang mama

[Bg. 15.6]

In der Shrimad Bhagavad-gita sagt Krishna: "Jener Platz, von wo es keine Rückkehr zu dieser vergänglichen Welt gibt, ist Mein höchstes Reich."

abrahma-bhuvanal lokaha

punar avartino 'rjjuna

mam upetya tu kaunteya

punar janma na vidyate

[Bg. 8.16]

Er unterwies Arjjuna: "Eine dauerhafte Position gibt es nur in Meiner Welt. Jede Stellung in dieser Welt, selbst die eines Königs, ist vergänglich wie ein Traumbild. Wenn du dieses Traumleben hinter dir lassen und die Wirklichkeit betreten willst, so mach dich auf die Suche nach jener wunderbaren Wirklichkeit, die nicht dem Tod unterliegt. Nutze deine Energie, um etwas Dauerhaftes zu bauen. Gegenwärtig investierst du deine Energie in Dinge, die im nächsten Augenblick schon vernichtet sein können – ein törichtes Unterfangen."

uddhared atmanatmanang

natmanam avasadayet

atmaiva hy atmano bandhur

atmaiva ripur atmanaha

[Bg. 6.5]

"Wisse, daß du dein eigener Freund, aber auch dein eigener Feind sein kannst. Du bist dein eigener Feind, wenn du dich nicht um deine innere Entwicklung, um deinen wirklichen Fortschritt kümmerst. Du kannst aber auch dein eigener Freund sein, und niemand kann dir soviel helfen wie du selbst es kannst."

bandhur atmatmanas tasya

yenaivatmatmana jitaha

[Bg. 6.6]

"Übe dich in Selbstbeherrschung und vergeude nicht länger deine Energie. Nutze sie vielmehr so, daß es dir selbst zuträglich ist. Dann wirst du dein wirklicher Freund sein. Wenn du jedoch deinen materiellen Sinnen folgst, die dich in das Land der Ausbeutung, der Reaktionen und des Leidens führen, so bist du dein eigener Feind. Überleg es dir gut."

vimrishyaitad asheshena

yathecchasi tatha kuru

[Bg. 18.63]

"Denk gründlich darüber nach, und triff dann deine Entscheidung." Die menschliche Lebensform ist überaus wertvoll. Der Mensch besitzt die Fähigkeit, die Dinge zu unterscheiden. Er verliert sie jedoch, wenn er aufgrund schlechter Handlungen gezwungen wird, im nächsten Leben in den Körper einer Pflanze, eines Tieres usw. einzugehen. Bist du sicher, daß dir ein solcher Abstieg nicht bevorsteht? Welche Garantie hast du, daß dir das nicht passieren wird?

Es stimmt nicht, daß alle Handlungen und aller Fortschritt nur im Reich des Todes stattfinden. Fortschritt ist nicht begrenzt auf Dunkelheit und Unwissenheit. Wenn du selber tatsächlich positiven Fortschritt machst, so wirst du verstehen, was wirklicher Fortschritt ist. Hridaye nabhya nujnjato – dein inneres Gefühl, dein Herz, wird dir Gewißheit geben über deinen Fortschritt. Hier geht es nicht darum, falsche Hoffnungen zu wecken, um dich in ein fremdes Land zu entführen, wo du gepeinigt und erschlagen wirst. Davon kann keine Rede sein.

bhaktihipareshanubhavo viraktir

anyatra caisha trika eka-kalaha

prapadyamanasya yathashnataha syus

tushtihi pushtihi kshud-apayo 'nu-ghasam

[S.B.. 11.2.42]

Dieser berühmte Shloka aus dem Shrimad-Bhagavatam erklärt, daß dein Magen sich jedesmal meldet, wenn du Nahrung zu dir nimmst. Vom Magen kommt die Bestätigung: "Ja, ich esse." Der Hunger wird gestillt, der Körper genährt und nach dem Essen fühlt man sich satt. Der Hunger verfliegt und der Körper gewinnt an Kraft – all das zeigt dir, daß du ißt. In ähnlicher Weise werden sich im spirituellen Leben so viele Symptome einstellen, die unseren Fortschritt bestätigen.

Wir haben jetzt einen menschlichen Körper, und das ist ein sehr wertvolles Geschenk; wenn wir ihn jedoch mißbrauchen, so vertun wir eine große Chance. Uttishthataha jagrataha prapyovaran nivodhataha – erhebe dich, und sei nicht nur auf dein eigenes Wohl, sondern auch auf das der anderen bedacht. Diese Haltung wird für dich wirklich förderlich sein. Der wichtigste Punkt ist, daß wir uns unter der Leitung eines echten Repräsentanten des Höchsten Herrn so intensiv im hingebungsvollen Dienst beschäftigen, daß keine Zeit bleibt für nutzlose materielle Angelegenheiten. Solch ein ausgefülltes Programm in der Gemeinschaft der Gottgeweihten wird sehr hilfreich für uns sein.

KAPITEL VIER

Die menschliche Lebensform

Innere Gelassenheit, die Fähigkeit, das Chaos der äußeren Welt zu ertragen, ist ein wertvolles Geschenk. Dadurch kann man sich dem Bereich der Seele zuwenden. Wirkliche bhakti, Hingabe, ist ahaituki, motivlos; sie ist ihre eigene Quelle. Sie ist für sich selbst und durch sich selbst. Wie Hegel sagte: die Wirklichkeit existiert durch sich selbst. Die Wirklichkeit ist keine abstrakte Angelegenheit, sondern ein System, das durch sich selbst existiert. Es ist anadi und ahaituki, es ist ewig und kann nicht erschaffen werden. Bhakti ist ihre eigene Quelle. Anhand dieser Beschreibung können wir verstehen, was Bhakti ist. Man kann sie nicht künstlich erzeugen; sie existiert, obzwar oft bedeckt, ewig, wartet jedoch darauf, entdeckt zu werden. Sie ist in potentieller Form vorhanden. Mit äußerer Hilfe kann sie allmählich zum Vorschein gebracht werden: wie wenn man einen Schlafenden weckt. Anyabhilasha, karma, jnjana – die Bhakti wird gemeinhin von materiellen Wünschen, von der Mentalität der Ausbeutung und Entsagung verhüllt. Wir müssen uns dieser Hüllen entledigen; dann wird die Bhakti in all ihrer ursprünglichen Vortrefflichkeit hervortreten.

Es ist sehr selten anzutreffen, daß jemand ernsthaft und aufrichtig nach der höchsten Wahrheit sucht; vor allem in diesem modernen Zeitalter, wo alles Sinnen und Trachten einzig auf Ausbeutung abzielt. Auch die Wissenschaft dient nur der Ausbeutung, und das führt zur Zerstörung der Welt. Die Möglichkeiten der Atomenergie und viele wissenschaftliche Forschungsprogramme rufen bei den Menschen große Befürchtungen hervor. Die Menschheit steuert geradewegs auf die Apokalypse zu. Diese Art von Wissenschaft schuf die Voraussetzungen dafür, daß sich die Menschheit jederzeit selbst auslöschen kann! Wissen, das solche Wirkungen hat, ist selbstmörderisch. Durch die Mehrung solchen Wissens beschwören wir unseren eigenen Untergang herauf. Jede Form von Ausbeutung hat bestimmte Reaktionen zur Folge. Wenn wir also das Ausbeutungsprinzip als legitim anerkennen, so ergibt sich daraus pralaya, maha-pralaya – Zerstörung, und zwar in größtem Ausmaß. Irgendwie, ob durch die Atombombe oder durch Naturkatastrophen, alles wird eines Tages vernichtet werden, und hernach wird wieder etwas Neues erzeugt; so wechseln Entstehung und Auflösung einander ab. So wie jedes Lebewesen dem Kreislauf von Geburt und Tod unterliegt, so kennt auch das Entstehen und Vergehen der Sonnensysteme kein Ende.

Wenn uns jedoch daran liegt, aus dieser Verstrickung freizukommen, so müssen wir jene Sphäre, die unseren Sinnen zugänglich ist, verlassen. In der Bhagavad-gita und in den Upanishaden heißt es: indriyani parany ahur. Unsere Sinne haben eine bestimmte Funktion. Wenn wir unser Augenlicht, das Hörvermögen, den Geruch- und Tastsinn usw. verlieren, so verlieren wir die ganze Welt um uns herum. Da wir unsere Sinne haben, haben wir unsere Welt. In der Welt der Erfahrung sind unsere Sinne von großer Bedeutung. Und weiter heißt es: indriyebhyaha parang manaha – auch der Verstand spielt eine wichtige Rolle. Und wodurch ist der Verstand gekennzeichnet? Es ist die Fähigkeit auszuwählen: "Ich will dies; jenes aber will ich nicht." Wir mögen das eine, und das andere lehnen wir ab. Dem liegt unsere Verstandesfunktion zugrunde. Der Verstand steht über den Sinnen. Z.B. gibt es Momente, wo man so in Gedanken vertieft ist, daß man nicht mehr bemerkt, was um einen herum geschieht. Man sieht und hört nichts. Der Verstand steht also dem Zentrum näher als die Sinne.

Den Sinnen kommt mehr Bedeutung zu als der äußeren Welt; noch wichtiger aber ist der Verstand, da die Sinne, die Türen gleichen, ohne ihn nutzlos sind. Sodann: manasas tu para buddhir – es gibt noch ein anderes feinstoffliches Prinzip in uns: die Intelligenz, Buddhi genannt. Wodurch wird die Intelligenz charakterisiert? Der Verstand sagt: "Oh, ich werde dies nehmen", aber die Intelligenz wendet ein: "Nein, nein, nimm das nicht, es wird dir schaden. Nimm lieber jenes, das wird dir Nutzen bringen." Diese Fähigkeit, die Dinge zu bewerten, die Intelligenz, ist ein höheres Prinzip in uns.

Alsdann: buddher yaha paratas tu saha – über der Intelligenz steht die Seele.

Auf diese Weise sollten wir die verschiedenen Bestandteile analysieren. Wichtiger als die äußere Welt sind unsere Sinne; wichtiger als unsere Sinne ist unser Verstand; über dem Verstand steht die Intelligenz; und über der Intelligenz steht die Seele. Und was ist die Natur, die Charakteristik der Seele? Sie ist wie Licht.

In den Schriften wird das folgendermaßen veranschaulicht: es kommt vor, daß der Mond in der Nacht durch eine Wolke verdeckt wird – die Wolke ist jedoch durch das Mondlicht zu sehen. Der Verfasser der Veden, Shrila Vyasadeva, sagt, daß der Atma wie der leuchtende Mond ist. Oder wie die Sonne: eine Wolke mag die Sonne bedecken, aber die Wolke ist durch das Sonnenlicht sichtbar. Der Atma ist also eine Art Lichtpunkt, und dadurch können wir unser mentales System wahrnehmen. Das Verschwinden dieses Lichts wird Tod genannt. Das mentale System, die Intelligenz, das Unterscheidungsvermögen, und die verschiedenen Kanäle, durch die wir Wissen über die äußere Welt erhalten, haben keinen Wert mehr, wenn das Licht verschwunden ist. Dieses Licht ist der Atma, ein Punkt innerhalb eines Lichtstrahls, und er unterscheidet sich vollkommen von allen anderen Dingen hier. Die Seele ist ein Lichtpartikel und es gibt ein Land des Lichts, wo die Seelen wohnen. Aber es geht noch weiter: vom Subjektiven zum Über-Subjektiven, von der Seele zur Über-Seele, vom Atma zum Paramatma. So wie wir in dieser Welt verschiedene Manifestationen der Materie finden: Äther, Luft, Feuer, Wasser, Erde, Stein, so gibt es auch in der feineren Welt verschiedene Entwicklungsstufen: von der Intelligenz zur Seele, dann zur Über-Seele, zur Über-Überseele usw. Auf diese Weise nähert sich das Subjektive dem Unendlichen, dem Über-Subjektiven.

Darwin behauptete in seiner Evolutionstheorie, daß alles aus Materie entstanden ist. Er sagt, daß auch der Embryo in der Gebärmutter bloß ein materielles Gebilde ist, das heranwächst, wodurch allmählich Bewußtsein entsteht. Allgemein gesagt war er der Auffassung, daß Bewußtsein von Materie hervorgebracht wird. Aber die offenbarte Wahrheit besagt etwas anderes; nämlich, daß das Bewußtsein über allem steht, und daß alles im Ozean des Bewußtseins treibt. Das ist subjektive Evolution. Darwin sprach von objektiver Evolution, aber die Vedischen Schriften sagen, daß die Evolution subjektiv ist. Berkeley, ein europäischer Philosoph, schrieb: "Nicht der Verstand ist in der Welt, sondern die Welt ist im Verstand." Alles fließt auf der Ebene des Bewußtseins. Bewußtsein ist die Voraussetzung von allem.

Darwin meint, daß am Anfang Fossilien standen. Aber was sind Fossilien? Es ist nur eine bestimmte Vorstellung, die Teil des Bewußtseins ist.

Deshalb vertreten wir die Auffassung, daß das Bewußtsein das Ursprüngliche ist. Was immer man für den Ursprung hält, die Voraussetzung dafür ist Bewußtsein; andernfalls wäre man nicht imstande, eine Aussage darüber zu treffen. Die Vedische Wahrheit besagt, daß das Brahman, der alldurchdringende, unpersönliche Aspekt des Absoluten, der Ursprung der Seelen ist, und daß über der Seele (Atma) die Über-Seele (Paramatma) steht. In den materiellen Welten ist alles vergänglich und voller Leid; aber es gibt auch die ewige Welt, die voller Glück ist, mit so vielen Wellen im Ozean der Ekstase und der Freude,.

Auf diese Weise können wir verstehen, was unsere Bestimmung in diesem Leben ist, worin die besondere Bedeutung der menschlichen Lebensform besteht, und wie man sie nutzen kann. Es gibt so viele verschiedene religiöse Auffassungen; aber wir Wahrheitssucher sollten eine harmonisierende Lösung dazwischen finden, und hierfür sollten wir ein paar vergleichende Studien anstellen.

In den Schriften wird gesagt, daß wir das, was wir bereits erreicht haben, nicht aufs Spiel setzen sollten. Beispielsweise mag ein Kommandeur seiner Truppe den Befehl geben: "Bleibt dort, wo ihr seid, und haltet die Stellung bis zum letzten Blutstropfen!" Aber bei entsprechender Gelegenheit befiehlt er: "Stürmt vorwärts!" In ähnlicher Weise sagen die Schriften: "Wo immer du gemäß deinem früheren Karmma geboren wurdest, wo immer du dich befinden magst, versuche nicht, dich von dort zu entfernen, sonst läufst du Gefahr hinunterzufallen." Man findet in den Schriften jedoch auch die Aufforderung: "Geh vorwärts zum Absoluten! Schreite weiter voran." In der Bhagavad-gita heißt es: "Stirb lieber als daß du deine jetzige Position aufgibst!" Aber dann sagt Krishna:

sarvva-dharmman parityajya,

mam ekang sharanang vraja

"Wenn sich dir die Möglichkeit eröffnet, zum Zentrum zu gehen, so mußt du es tun, koste es, was es wolle." Das ist die revolutionäre Methode. Es gibt die konstitutionelle und die revolutionäre Methode. Die revolutionäre Methode besteht darin, daß man alles riskiert und vorwärts geht zur höchsten Wahrheit. Das menschliche Leben bietet dafür die besten Möglichkeiten. Wir sollten alles tun, um sie auch richtig zu nutzen.

Nur der Mensch besitzt Unterscheidungsvermögen und Entscheidungsfreiheit. Wenn du von dieser Position herunterfällst und in tierische oder pflanzliche Lebensformen eingehen mußt, so ist völlig ungewiß, wann du zurückkehren wirst, und wieder die Fähigkeit bekommst, unabhängige und willentliche Entscheidungen zu treffen. Deshalb ist das menschliche Leben überaus kostbar. Du solltest es nicht mißbrauchen, indem du dich nur den verschiedenen Praktiken des tierischen Lebens widmest: ahara, nidra, bhaya, maithuna – essen, schlafen, sich fürchten und die Sinne genießen. All das kannst du in jeder beliebigen Lebensform tun. Wenn du einen Tierkörper bekommst oder sonst irgendwohin versetzt wirst – als Vogel, Wurm, Insekt usw. – so wirst du dich damit zur Genüge beschäftigen können. Die Möglichkeit zu Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung hast du jedoch nur in der menschlichen Lebensform. In der Gemeinschaft mit heiligen Persönlichkeiten kannst du dir die ganze Problematik bewußt machen. Auf diese Weise kannst du in deinem Leben fortschreiten und dich retten. Wenn man jedoch einen menschlichen Körper bekommt und diese Gelegenheit verspielt, so ist das wie Selbstmord oder noch schlimmer! Man begeht Selbstmord, wenn man als Mensch geboren wird, aber nicht nach Selbstverwirklichung strebt.

Thanks that you payed so much attention to these lines. Yours friendly.

Copied, lay-outed and written by Wolfram.