Schokolade

(Vorwort: Reformhäuser und Naturkostläden führen Gott sei  Dank auch Karobschokolade, dennoch scheint der Genuß von natürlicheren Süßigkeiten, wie Datteln, Feigen, Indianischem Süßkraut, Karobmehl, Süßkartoffeln, Rosinen, Sultaninen, u.a. Frisch- u. Trockenobst und Früchtedicksäften auf die Dauer für die Gesundheit vorteilhafter. W.L.)

17.12.98 AKTUELL Süße Forschung: Zweite Runde im Schokoladenstreit
Von Harro Albrecht Manche bezeichnen es als das Heroin unter den Nahrungsmitteln. Jetzt sprechen Wissenschaftler den Suchtstoff Schokolade vom Drogenverdacht frei.

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Wer einmal einen 300 Gramm Block Schweizer Süßigkeit zwischen die Zähne bekam, war häufig verloren. Unter Mißachtung aller Figurängste wird die Kalorienbombe regelmäßig bis zum letzten schmelzenden Brocken niedergemacht. Hartnäckig hält sich daher das Gerücht, Schokolade sei nicht nur ein harmloser Gaumenschmeichler, sondern die teuflischste Versuchung seit Entdeckung der Kakaobohne.
Vor zwei Jahren sprachen Emmanuelle di Tomaso vom Neuroscience Institute in San Diego alle Schokoladensüchtigen vom Verdacht der Willensschwäche frei. Laut seiner Studie enthält Schokolade Verbindungen, die im Hirn die gleichen Rezeptoren aktivieren wie der psychoaktive Stoff Cannabis.
Die Autoren der Studie vermuteten, daß diese Substanzen, womöglich sowohl für das Verlangen nach als auch für die angenehmen Empfindungen beim Genuß von Pralinen und Nußnougat-Riegeln verantwortlich sein könnten. Schokojunkies waren also nichts weiter als Opfer einer perfiden Schokodroge und die Weihnachtszeit nichts anderes als eine gigantische Rauschorgie von Goa-Ausmaßen.

Jetzt geht der Schokoladenstreit in die zweite Runde und wieder kreist die Diskussion um den geheimnisvollen körpereigenen Glücksspender.
Anandamid heißt das körpereigenes Fettmolekül, das im Hirn an die Cannabis-Rezeptoren bindet und ähnliche Wirkungen hervorruft wie pflanzliche Cannabis-Extrakte. In der neuesten Ausgabe des Fachblatts "Nature" veröffentlichten Vincenzo Di Marzo vom neapolitanischen Istituto per la Chimica di Molecole neue Erkenntnisse über die sogenannten endogenen Cannabinoide oder kurz Endocannabinoide.

Die italienischen Wissenschaftler interessierte brennend - schon weil ein Teil der Studie vom Nestlé-Konzern finanziert wurde, der nicht als Dealer dastehen mochte - ob der Suchtstoff auch in anderen weitverbreiteten Nahrungsmitteln wie Milch steckt. Vor allem aber wollte das Team um Di Marzo wissen, ob das Schokoladendope nur intravenös gespritzt den seelentröstenden Kick entwickelt, oder ob der gewöhnliche orale Konsum genügt.

Die Forscher näherten sich ihren Objekt mit aller Akribie. Zur Klärung der Fragen verschafften sich die Chemiker als potentielles Suchtmittel Kuh-, Ziegen- und Frauenmilch. Das Fazit der Experten war eindeutig und für den wahren Schokoladenfreund enttäuschend: "Wir glauben", ließ der Schokologe Di Marzo wissen, "daß der Gehalt an Endocannabinoiden im Nahrungsmitteln, speziell im Kakao, nicht ausreicht, um Cannabis-ähnliche Effekte in Säugetieren zu verursachen." Außerdem erreichten nur 1,6 bis 5 Prozent der psychoaktiven Bestandteile der Schokolade zum Beispiel nach dem herzhaften Biß in eine Zartbitter-Tafel den Blutstrom - zu wenig für einen handfesten Rausch.

SPIEGEL ONLINE 51/1998

17.12.98
AKTUELL
Süßes Leben: Schokolade als Jungbrunnen

Von Harro Albrecht


Überraschende Weisheit: Wer dreimal im Monat einen Schokoriegel genießt, lebt länger.

Irgendwo im Kleingedruckten offenbarten die Forscher ihre geheime Leidenschaft. Unter dem Stichwort "Konkurrierende Interessen" vermerkten I-Min Lee und Ralph Paffenbarger Junior folgendes: "Die Autoren gestehen eine ausgesprochene Leidenschaft für Schokolade und den durchschnittlichen Genuß von einem Riegel pro Tag." Auf diese Weise voreingenommen, mußten die wissenschaftlichen Bemühungen der Forscher natürlich einer besonders kritischen Beurteilung standhalten. Ihre Untersuchung ging offenbar als seriös durch, denn schließlich fand sie Eingang in die neueste Ausgabe des renommierten Fachblatts "British Medical Journal".

Die beiden Epidemiologen von der US-amerikanischen Harvard-Universität haben sich ganz der Schoko-Forschung verschrieben. Nach dem Motto: "Wenn es Süßigkeiten schon seit Jahrhunderten gibt, darf vermutet werden, daß sie nicht völlig ungesund sind." In einem launigen Aufsatz führen die Harvard-Professoren den süßen Nachweis: Medizin muß nicht immer bitter schmecken - außer man bevorzugt Zartbitter. Quelle der schokophilen Weisheit war eine Erhebung unter 7841 Harvard-Ehemaligen geboren zwischen 1916 und 1950. Die mögliche Antworten auf ihrem Süßigkeiten-Beichtzettel reichten von "fast nie" bis "mehr als sechsmal" pro Tag. Gleichzeitig wurden andere Gesundheitsrisiken wie zum Beispiel die Rauchgewohnheiten erhoben. Schließlich erfaßten die Candy-Forscher, wer bis 1993 gestorben war.

Die Leckermäuler unterschieden sich in einigen entscheidenen Punkten von den Abstinenzlern: Letztere waren im Schnitt älter, schlanker und rauchten mit höherer Wahrscheinlichkeit. Die Verachter griffen auch häufiger zum Alkohol und verzehrten weniger Fleisch und grünen Salat.
514 der Probanden starben zwischen 1988 und 1993 (7,5 Prozent der Abstinenzler und 5,9 Prozent der Schokogenießer).

Das Ergebnis der ausgiebigen statischen Analysen: Bis zu einem Alter von 95 Jahren können ein bis drei Süßigkeiten Riegel im Monat das Leben um ein Jahr verlängern. Lee und Paffenbarger haben auch eine Vermutung über die wundersame Wirkung des gemeinen Schoko-Riegels. "41 Gramm Schokolade enthalten etwa so viel antioxidierendes Phenol wie ein Glas Rotwein." Und mäßiger Rotweingenuß, daß sei schließlich bekannt, senke ja auch das Risiko für Herzkreislauferkrankungen.

"Unglücklicherweise", bedauerten die Autoren in eigener Sache, "ist aber ein häufigerer Konsum nicht assoziert mit noch weiter gesenkter Sterblichkeit." Wie mit allen Dingen im Leben, so das etwas frustrierte Resümee der Studie, hat Maß halten eben oberste Priorität.

SPIEGEL ONLINE 51/1998

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